Cadieux: «Die Spieler können es kaum erwarten»

14.05.26 - Von Martin Merk

Die Schweizer Nationalmannschaft lebt seit Jahren auf diesen Moment hin: die WM 2026 auf heimischem Eis in Zürich und Fribourg. Jetzt wo es so weit ist, steht Jan Cadieux eine Weltmeisterschaft früher als ursprünglich geplant als Cheftrainer hinter der Bande. Wir sprachen kurz vor Turnierstart mit dem Trainer, der vielen Fans auf dieser Seite des Röstigrabens noch nicht so bekannt ist.

 
Der neue Nationaltrainer wirkt in den Tagen vor dem WM-Start bemerkenswert ruhig. Vielleicht auch deshalb, weil er gar keine Zeit hatte, gross über seine neue Rolle nachzudenken seit er in einer Art Feuerwehrübung während der ersten Vorbereitungswoche das Amt von Patrick Fischer übernahm.

«Ich glaube, ich habe noch gar nicht darüber nachgedacht», sagt Cadieux. «Was wichtig ist: Was können wir machen, damit diese Mannschaft ihr bestes Eishockey spielen kann? Darauf konzentriere ich mich.»

Dabei ist die Ausgangslage speziell. Erstens, weil die Schweiz erstmals seit 17 Jahren wieder eine WM austrägt. Zweitens, weil Cadieux erst seit wenigen Wochen Cheftrainer ist. Eigentlich hätte er die Nationalmannschaft erst nach der Heim-WM übernehmen sollen. Doch nach den Wirren um Patrick Fischer rückte der frühere Trainer von Genf-Servette früher als geplant an die Spitze.

Die Aufgabe könnte grösser kaum sein. Die Heim-WM ist in der Schweiz längst mehr als nur ein Sportanlass. «Es ist wirklich das Festival des Hockeys in der Schweiz», sagt Cadieux. Die Mannschaft spreche seit Jahren über dieses Turnier. Die Kultur und die Ambitionen seien über lange Zeit gewachsen – geprägt auch von seinem Vorgänger Patrick Fischer. «Sportlich hat sich nichts verändert», erklärt Cadieux. «Die Spieler können es kaum erwarten, dass es endlich losgeht.»

Der neue Nationaltrainer spürt vor allem eines: enorme Motivation. «Ich sehe Spieler, die Emotionen teilen wollen und ihr Bestes geben möchten», sagt er. Trotz einiger schwieriger Wochen in der Vorbereitung sei der Fokus nun komplett auf das Sportliche gerichtet.

Die erste grosse Prüfung wartet gleich zum Auftakt: Titelverteidiger USA. Zwar reisen die Amerikaner nicht mit sämtlichen NHL-Superstars an, unterschätzen will Cadieux den Gegner aber keinesfalls. «Wenn man anschaut, welche Spieler in den letzten zehn Jahren durch ihr Nationalteam-Programm gegangen sind, dann weiss man, wie viel Qualität vorhanden ist», sagt er. Die USA verfügten über enorme Tiefe und einen ausgeprägten Kampfgeist.

Gleichzeitig warnt Cadieux davor, das Startspiel überzubewerten. Viele Fans sehen darin bereits eine Revanche für frühere Niederlagen gegen die Amerikaner. Der Coach bleibt nüchtern. «Es ist Spiel Nummer eins der WM. Eine neue Geschichte.» Natürlich habe die Partie enorme Bedeutung, «aber wir werden die WM nicht nur aufgrund dieses Spiels spielen».

Die Schweiz geht dennoch mit gewissen personellen Sorgen ins Heimturnier. In der Abwehr musste der NHL-Verteidiger Jonas Siegenthaler verletzt absagen, der die Mannschaft aber neben dem Eis begleitet. In der Abwehr fehlen auch Andrea Glauser und Michael Fora, freiwillig verzichtet man auf Lian Bichsel. Mit Philipp Kurashev musste ein weiterer NHL-Spieler kurzfristig passen. Der Stürmer weilt bereits seit zwei Wochen in der Schweiz, fällt nun aber krankheitshalber aus. Auch mit dem sich im Wiederaufbau befindende Kevin Fiala wird nicht gerechnet. «Es geht ihm besser, wir haben mit ihm gesprochen», sagt Cadieux. «Aber im Moment ist er nicht in einer Position, dass er kommen kann.»

Gerade deshalb betont der Nationaltrainer immer wieder den Teamgedanken. Für ihn steht weniger die Goldmedaille als vielmehr der gemeinsame Prozess im Vordergrund. «Wir wollen Tag für Tag wachsen», erklärt er. Natürlich spreche man intern über grosse Ziele. Nach den Silbermedaillen der letzten Jahre sei klar, dass die Schweiz von mehr träumen dürfe. Doch Cadieux will bewusst keine grossen Versprechen machen. «Wir sprechen mehr über den Prozess, der uns zur Goldmedaille führen kann, als direkt von Gold zu sprechen.»

Unterstützung erhält der neue Cheftrainer von einem Trainerstab, dem er voll vertraut. Besonders wichtig ist dabei die langfristige Verpflichtung von Rikard Franzén als Assistent. Mit dem Schweden arbeitete Cadieux bereits erfolgreich zusammen. «Da ist über Jahre Vertrauen entstanden», sagt er. Franzén kenne die Nationalmannschaft bestens, war bereits bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften dabei. «Er versteht sich hervorragend mit den Spielern und macht exzellente Arbeit. Er hat auch viel zum Erfolg von Fribourg beigetragen.»

Die Heim-WM wird für Spieler und Entourage dennoch zur mentalen Herausforderung. Das Teamhotel liegt nur gerade 150 Meter von der Arena entfernt. Die Gefahr, während zwei Wochen ausschliesslich in einer Hockeyblase zu leben, ist real. Cadieux spricht deshalb bewusst nicht von einem Tunnel, sondern von einer «Blase». Einerseits wolle man Energie sparen und fokussiert bleiben. Andererseits sei es wichtig, dass die Spieler abschalten können. «Wir wollen ihnen Zeitfenster geben, damit sie rausgehen und den Kopf lüften können», erklärt der Coach. Spaziergänge in der Stadt oder gemeinsame Abendessen seien ausdrücklich erwünscht.

Für Cadieux ist der Rummel in diesem Ausmass neu. «Es hat mehr Journalisten, die uns folgen, mehr Interviews, die zu geben sind als in Genf», antwortete er einem Westschweizer Journalisten in die französische Fragerunde bevor es weiter ging zu den anderen Medienschaffenden für ein Gespräch auf Deutsch. Über eine halbe Stunde nahm er sich Zeit für die Journalisten aus allen Landesteilen, während der WM wird er sich auch auf Englisch äussern dürfen für das internationale Publikum.

Cadieux weiss, dass diese WM nicht nur sportlich aussergewöhnlich wird. Für ihn persönlich ist sie ohnehin ein einmaliges Erlebnis. «Es ist eine Ehre, sein Land vertreten zu dürfen», sagt er. Besonders bei einer Heim-WM. Trotz Resultatdruck wolle er jeden einzelnen Moment geniessen. Genau diese Mischung aus Ruhe, Leidenschaft und Bodenständigkeit soll die Schweiz nun durch ihr grosses Heimturnier führen.